Zwei Jahrzehnte lang folgte IT-Outsourcing einer einzigen Regel: Was sich standardisieren lässt, wandert dorthin, wo die Stunde am wenigsten kostet. Routine-Coding, Testfälle, Dokumentation, Ticket-Abarbeitung nach Skript; alles spezifizierbar, verschickbar, am nächsten Morgen fertig. Genau diese Regel verliert ihre Grundlage, denn Coding-Assistenten erledigen die standardisierbaren Anteile schneller und billiger. Wer sein Angebot auf ein Stundensatz-Delta gründet, konkurriert plötzlich gegen etwas ohne Stundensatz, die KI. Die Konsequenz: Das billigste Angebot stirbt zuerst. Nicht das teuerste, sondern das billigste, weil dort am wenigsten übrigbleibt, was eine Maschine nicht liefert.
Was die Maschine nicht liefert
Ein Assistent schreibt sauberen ABAP-Code. Er erklärt aber nicht, warum ein Mittelständler seinen Bestellfreigabeprozess vor 18 Jahren genauso modellierte und welche Fachbereiche daran hängen. Solches Wissen entsteht im Gespräch, nicht im Ticket. Dazu kommt der Takt: Standardisierte Arbeit verträgt Verzögerung, Klärungsbedarf nicht. Wer um 10 Uhr fragt und um 11 Uhr Antwort bekommt, arbeitet weiter; bei sechs Stunden Zeitverschiebung verstreicht zu viel Zeit. Je mehr Routine die KI übernimmt, desto stärker dominiert klärungsintensive Arbeit den Rest. Der Wert von Zeitzonennähe steigt also, statt zu sinken. Und schließlich bleibt die Haftung: Ein Sprachmodell unterschreibt keinen Werkvertrag und erscheint zu keinem Lenkungsausschuss. Bei allem mit Prüfungsrelevanz braucht der Kunde ein Gesicht, das dafür geradesteht.
Wo sich der Effekt zuspitzt
Im SAP-Umfeld zeichnet sich ein Terminstau ab. Die Mainstream-Wartung für SAP ECC endet 2027, doch der aktuelle DSAG-Investitionsreport zeigt, dass nur 37 Prozent der Bestandskunden den Umstieg bis dahin planen. Knapp die Hälfte verschiebt die Migration auf S/4HANA bis 2030 und überbrückt die Zeit mit der teureren Extended Maintenance. Typische S/4HANA-Projekte dauern zwölf bis 24 Monate. Das löst kein Assistent, denn eine Transformation lebt von Prozessentscheidungen, Testzyklen und Schnittstellenanalyse. Wer erst 2027 Kapazitäten sucht, konkurriert mit der Hälfte des Marktes um dieselben Köpfe.
Das Modell, das trägt
Eine klare Arbeitsteilung nimmt den Druck: Onshore Governance, Nearshore Execution, KI als Multiplikator auf beiden Ebenen. Interne Architekten verantworten Zielbild und Kernlogik – sie kennen die gewachsenen Prozesse, die politischen Fallstricke und die Stellen, an denen ein Standardprozess an der Realität eines Unternehmens scheitert. Nearshore-Teams liefern die Kapazität, die eine Transformation dieser Größenordnung braucht, nämlich Entwicklung, Testautomatisierung, Datenmigration, Dokumentation, also Arbeit, die Volumen verlangt, aber ebenso viel Erfahrung wie die Konzeptarbeit selbst. KI beschleunigt beide Seiten, ersetzt aber keine von ihnen. Sie generiert Codegerüste, prüft Testabdeckung, fasst Schnittstellendokumentation zusammen. Doch die Entscheidungen über das richtige Zielbild treffen Menschen mit Kontextwissen.
Drei Kriterien für die Aufgabenverteilung
Über die Zuordnung einzelner Aufgaben entscheiden drei Größen. Erstens die Automatisierbarkeit: Aufgaben mit klaren Regeln wandern zu KI-gestützten Werkzeugen, Aufgaben mit Ermessensspielraum bleiben beim Menschen. Zweitens die Kommunikationsintensität: Je mehr eine Aufgabe von Abstimmung mit Fachbereichen und gewachsenem Vertrauen lebt, desto eher gehört sie ins Kernteam vor Ort. Drittens die Compliance-Anforderung: Berühren Datenschutz, Exportkontrolle oder Branchenregulierung eine Aufgabe, verengt sich der Kreis der Beteiligten, unabhängig von der technischen Automatisierbarkeit. Diese drei Achsen ergeben kein starres Raster, sondern unterliegen einer laufenden Kalibrierung. Genau sie, nicht die einzelne Technologie, entscheidet am Ende, ob beispielsweise eine SAP-Transformation im Zeitplan bleibt.
Was künftig die Anbieterauswahl entscheidet
Solange Anbieter austauschbare Standardarbeit lieferten, blieb die Auswahl eine Preisfrage. Diese Vergleichbarkeit löst sich gerade auf. Bleibt nur klärungsintensive Arbeit übrig, entscheiden Kriterien, die kein Angebotsdokument abbildet, wie etwa Branchenerfahrung, Fluktuation, Deutschkenntnisse auf Fachbereichsniveau und Verhalten bei Eskalationen. Früher entschied der Abstand zwischen „gut“ und „billig“ über die Marge; heute entscheidet er über den Projekterfolg.
Der Blick nach Rumänien
Seit 2003 zeigt sich der rumänische IT-Markt als Beobachtungsfeld für genau diesen Effekt. Anbieter mit reinem Kapazitätsmodell geraten unter Druck, während Anbieter mit tiefer Prozesskenntnis ihre Pipeline füllen. Das Land bietet dazu eine Kombination, die sich nicht kurzfristig herstellen lässt. Dazu gehören nur eine Stunde Zeitverschiebung, EU-Recht samt DSGVO ohne Drittlandtransfer, über zwei Jahrzehnte Erfahrung in deutschsprachigen Projekten. Nichts davon garantiert Qualität. Diese Faktoren schaffen lediglich die Voraussetzung dafür. KI beendet also nicht das Auslagern von IT-Leistungen. Sie beendet nur die Ära, in der Auslagern vor allem Preisarbitrage bedeutete. Was danach zählt, hat wenig mit Stundensätzen zu tun und viel mit Nähe – fachlich, juristisch, kulturell und zeitlich.

